Doris: Ich glaube, ein Kunstwerk muss zum Nachdenken anregen. Es muss Tiefe haben, einen Mehrwert, darf nicht einfach nur Deko sein. Wenn ich einen Garten gestalte, denke ich oft, es sollte ebenso ein Raum für Kunst darin sein. Dabei kommt es immer darauf an, was ein Kunstwerk braucht, um es betrachten und auch erleben zu können. Vielleicht muss ich rundherum gehen können, vielleicht muss ich es durchschreiten können?
Raffaela: Genau. Im Garten nimmt man Kunst ganz anders wahr, weil sie nicht isoliert betrachtet wird wie in einem Ausstellungsraum, sondern gemeinsam mit Gerüchen, Geräuschen, Wetter, Licht und Bewegung erlebt wird. Gerade dadurch wird sie so spannend: Die Kunst verändert sich mit der Natur und tritt ständig in neue Beziehungen zu ihrer Umgebung. Für mich ist die Natur selbst bereits ein Kunstwerk. Wenn dann noch ein irritierendes oder unerwartetes Element hinzukommt, entsteht eine besondere Präsenz. Die Arbeit bleibt nie statisch, sie verändert sich durch Jahreszeiten, Witterung, Lichtstimmungen und das Wachstum der Pflanzen immer wieder.
Doris: Ich finde dabei den Kontrast so spannend: Die Natur, die sich verändert, die einfach das Natürliche ist, und dazu das Kunstwerk, das der Mensch gemacht hat. Die Natur kann ich zwar ordnen, also Elemente aus der Natur nehmen und sie anordnen. Das kann kunstvoll sein, aber ich kann die Natur nicht herstellen. Ein von mir gestalteter Ort verändert sich ständig, und das muss ich in der Planung schon mitdenken. Dabei berücksichtige ich die Blütezeiten der Pflanzen, ihr Wachstum, durch das sich der Garten verändert. Ich sehe das als willkommene Veränderung, denn ein Garten, der altert, wird immer besser. Das ist auch mein Ziel in der Planung, dass es ein Garten ist, der immer besser wird, je älter er wird. Es werden die Pflanzen größer, ihre Charakteristik kommt immer besser heraus. Ich verwende auch Materialien, die würdevoll altern. Zum Beispiel einen heimischen Granit: Er ist zeitlos, auf ihm wachsen vielleicht ein paar Flechten, doch das ist dann einfach schön anzuschauen.